Trauer und Verlust - im Alltag und der Gesellschaft

 

Der Umgang mit dem Thema Tod, Verlust und Trauer hat sich über die letzten Jahrzehnte gewandelt.

Schmerz und Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen findet in der zunehmend schnellebigen, leistungsorientierten Gesellschaft und vor allem im öffentlichen Leben, kaum noch Platz.

 

Es macht den Anschein, Trauer und ihre Verarbeitung ist längst kein individueller Prozess mehr sondern wird zunehmend - auch aus medizinischer Sicht - standardisiert.

So entsteht der Eindruck: Getrauert werden soll bestenfalls still und möglichst nicht zu lange! 

Diese Aussage ist vielleicht provokant – aber basiert auf medizinischen Grundlagen.

Denn wenn wir einen Blick in den DSM*- 5 werfen besagt dieser, dass 14 Tage nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen, Symptome wie Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug und Niedergeschlagenheit als Depression eingestuft werden können.  

 

Auch wenn Verlust eine Grundlage für eine Depression bieten kann und der DSM nur eine der zwei Hauptgrundlagen für die Klassifizierung von psychischen Erkrankungen ist, wirft sie doch die Frage auf:  

 

Wie normal ist Trauer heute noch und ab wann wird sie als Krankheit gesehen?

 

Um zu verdeutlichen in welcher kurzen Zeitspanne sich die medizinische Sicht auf Trauerreaktionen verändert haben - noch 1980 im DSM-3 wurde der Trauer noch ein ganzes Jahr zugestanden. Im Jahr 2000 im DSM-4 nur noch zwei Monate – und jetzt in der neuesten Auflage  nur noch 14 Tage.

Sprich:  Was vor 1 bis 2 Generationen noch als gewöhnliches Trauerverhalten galt, kann heute schon nach zwei Wochen als Depression diagnostiziert werden. Eine Zeit, in welcher es meist unmöglich ist, einen Verlust überhaupt zu erfassen – besonders, wenn dieser völlig unerwartet eintritt.

 

Kein Wunder also, wenn Trauernde sich nicht mehr zu trauern trauen!  – denn wer möchte schon als krank eingestuft werden. 

 

Doch was hat sich verändert? 

Im Vergleich zu früher finden Menschen heute weniger Stütze in kirchlichen Normen und Traditionen wie dem Trauerjahr, dem Aufbahren des Toten im eigenen Wohnzimmer und dem Abschiednehmen zu Hause. Das Sterben oder Verlust an sich wird, (wie teilweise auch das Älterwerden oder Krankheit) zunehmend weniger als natürlicher Teil des Lebens akzeptiert bzw. wird versucht, mit allen Mitteln dagegen „anzukämpfen“. 

Insbesonders mit Kindern wird, meist im Glauben diese damit zu schützen, nicht über das Thema Tod und Sterben gesprochen. Besonders im Umgang mit Kindern ist es wichtig dem Kind zu erklären was passiert – da Kinder die Trauer der Erwachsenen sonst oft nicht deuten können und in weiterer Folge ihre eigene Bedürfnisse nicht mehr zum Ausdruck bringen um die Eltern nicht zusätzlich zu belasten.

 

Doch wie mit einem Kind darüber sprechen wenn selbst Verunsicherungen diesbezüglich vorherrschen? Wie dem / der trauernden Bekannten eine Stütze sein, wenn man die richtigen Worte nicht findet?

Wie trauert man richtig? Wie reagiere ich,  wenn mir jemand vom Verlust eines geliebten Menschen erzählt? Was sage ich zu jemandem dessen Kind gestorben ist oder dessen Familienangehöriger sich suizidiert hat? Wieviel Trauer ist angemessen?

Im Umgang mit Trauernden treten nicht selten Unsicherheiten auf. Kein Wunder, wenn dieses Thema bestmöglich von uns ferngehalten wurde.

Dem zugrunde liegt auch, dass die moderne Gesellschaft fordert zu funktionieren und bestenfalls alle Lebensbereiche unter Kontrolle zu haben – und Trauer, besonders in Verbindung mit einer hohen Emotionalität, können als Schwäche wahrgenommen werden.

In diesem Fall sind andauernde Trauergefühle und – Reaktionen, tiefe Verzweiflung und Traurigkeit für andere oft schwer auszuhalten, auch weil diese wie erwähnt, eine eigene Hilflosigkeit und Unsicherheit hervorrufen können. 

 

Um dem eigenen negativem Empfinden vorzubeugen, wird in Folge vermieden den Verlust zu Thematisieren und „zu langes“ Trauern wird als unnatürlich oder persönliche Schwäche eingestuft. Daher wird es ab einen gewissen Punkt unangenehm damit konfrontiert zu werden. Trauer wird dann als unpassend, zu stark oder zu wenig oder den örtlichen / zeitlichen Gegebenheiten unpassend empfunden. Trauer und Verlust ist kein Thema für die Mittagspause oder den Stammtisch. Während der Verlust für das Umfeld in den Hintergrund rückt, kann dieser vom Betroffenen weiterhin als sehr aktuell wahrgenommen werden.

So wird es von Hinterbliebenen oft so empfunden, dass ihnen nur eine begrenzte Zeit nach dem Verlust beigestanden und Zuspruch gewährt wird.

 

Dahingehend wirkt es beinahe schon ironisch, dass die Brenndauer so manche Kerze welche am Grab mit LED-Licht flackert weit länger ist, als die von der Medizin & Gesellschaft als angemessen gesehen Trauerzeit. 

 

Trauer findet somit Großteils im Privaten satt und in der Gesellschaft wenig Raum– außer an dazu verordneten Feiertagen - dann scheint es, verhält es sich genau gegenteilig.

 

An den Gräbern treffen sich Angehörige. Eine „bunte“ meist in schwarz gehüllte Anzahl von Menschen versammelt sich an den Gräbern. Besonders in ländlichen Regionen wird nicht selten genau beobachtet wer sich am Friedhof einfindet (oder eben nicht) - und nicht selten trifft man dort Menschen wieder, die diesem den Rest des Jahres fernbleiben. Für den einen fester Bestandteil des gemeinsamen Gedenken und willkommener Grund als Familie wieder zusammenzukommen, für den anderen eine mehr oder weniger gesellschaftliche Pflicht oder Tradition. 

Für einen Tag  erweckt es den Anschein, dass das bewusste Erinnern an geliebte Menschen die uns vorausgegangen sind, fester Bestandteil unseres Alltages und der Gesellschaft ist. Die Realität ist meist eine andere. 

Und doch stellt sich die Frage, welchen Platz räumen wir dem Gedenken an  anderen Tagen im Jahr ein?

 

Geht es nicht vielmehr darum der Trauer und dem Erinnern und unserer vorhergegangenen Liebsten wieder einen Platz in unserem Alltag zu geben?

Wie viel Raum geben wir unseren eigenen Verlusterfahrungen und denen der anderen? Wieviel Zeit geben wir uns und anderen um das Gefühlschaos (aus Wut, Angst, Traurigkeit und manchmal Schuld) nach einem Verlust zu ordnen?

 

Denn so wie sich der Umgang mit dem Trauern über die Jahre verändert hat, so haben sich auch die Ziele der Trauerbewältigung geändert.

 

Frühere Ansätze gingen davon aus, dass Trauerphasen abgearbeitet und die Trauer beendet werden muss.

Doch dabei geht es gar nicht darum dass die Trauer oder das Erinnern endet. Vielmehr geht es darum, dass der Schmerz sich wandelt und durch Akzeptanz, Liebe und Dankbarkeit ersetzt wird.

 

Dabei schließt es sich nicht mehr aus, das eigene Leben neu auszurichten und gleichzeitig die Beziehung zum Verstorbenen zu wahren.

 

Religion und Spiritualität stehen sich nicht mehr gegenüber sondern verbinden sich mitunter. Anstelle der Zwiesprache am Grab wird der Verstorbene als innerer Ratgeber wahrgenommen, der einen beschützt und begleitet. Jenseitskontakte, Trauerrituale, Ahnenarbeit, Jahreskreisrituale sowie der Ansatz, dass die verstorbenen Liebsten über den Tod hinaus schützend ihre Hände über uns legen, sind inzwischen kein Hokuspokus mehr, sondern können Trauernden eine unglaubliche Stütze bieten.

 

 In diesem Sinne lade ich dich ein, in dich zu gehen und zu reflektieren

  • wo du in Verbindung zu deinen Ahnen und Verstorbenen stehst und wo du diese vielleicht verloren hast?
  • Wo war vielleicht kein Abschied möglich, was möchte noch gesagt werden?
  • Spürst du vielleicht noch eine Trauer in dir die nie zum Ausdruck gebracht werden konnte? Lass auch diese Gefühle zu – Es ist nie zu spät zu Trauern!  
  • Mit welchen kleinen Aufmerksamkeiten kannst du deine Vorfahren ehren und an sie erinnern? Erinnere an deine Liebsten, auch sie sind Teil von Familien- oder Freundeskreise, und du wirst sehen wie heilsam es sein kann wenn gemeinsam über sie gesprochen wird.

 

Und vergiss nicht: Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt,

der ist nicht tot, der ist nur fern;

tot ist nur, wer vergessen wird.

(Immanuel Kant)

 

 

 Alles Liebe, eure Jasmin  🍀 

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 * DSM-5 ist die Abkürzung für die fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM; englisch für „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“). Das DSM stellt das dominierende psychiatrische Klassifikationssystem in den USA und spielt dort eine zentrale Rolle bei der Definition von psychischen Erkrankungen. Das DSM-5 wird von der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (APA) herausgegeben und ist seit Mai 2013 die aktuell gültige und für die psychiatrische Diagnostik verbindliche Ausgabe. (Beschreibung - Wikipedia) 

 

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